Im Gespräch: Karin und Johannes Minuth - Freiburger Puppenbühne
"Persönlichkeitsmosaik"
Kultur-Joker,
Kultur- und Veranstaltungszeitung

Die ’’Freiburger Puppenbühne’’ lässt ihre selbst gebauten Puppen tanzen. Dabei war das Kaspertheater für Karin und Johannes Minuth immer mehr als nur seichtes Entertainment. Das Puppentheater ist der erste Einstieg für Kinder zum Theater, ist Bildungsauftrag und ein moralischer Balanceakt. Über die Auseinandersetzung zwischen Kasper und dem Puppenspieler, über die Schwierigkeiten städtischer Förderung und über die Geschichte des Puppentheaters sprachen die selbständigen Puppenspieler mit unserem Redakteur Axel Brüggemann.


Joker: Herr Minuth, Sie haben nach einigen Jahren der Praxis im Fach Germanistik über das Puppenspiel promoviert. Wann ist denn der Kasper das erste Mal in Quellen aufgetaucht?
J. Minuth: Nachweisbar im 13. Jahrhundert. Aus dieser Zeit gab es erste Abbildungen lustiger Figuren, die Keulen in der Hand haben. Man kann aber davon ausgehen, dass es kasperartige Figuren auch schon in der Antike gab, sowohl im Alten Rom als auch im Alten Griechenland.
Joker: Der Kasper ist traditionell ja ein Drein- und Draufschläger, in England ist sein Name gar ’’Punch’’, was ist das für ein Kasper?
J. Minuth: Der Punch hat immer noch einen sehr hohen Stellenwert in England und verkörpert den Schwarzen Humor. Er war ein fürchterlicher Geselle, der sein Kind aus dem Fenster wirft, der seine Frau totschlägt, weil sie sich über ihn beschwert, der den herbeigerufenen Polizisten durch den Fleischwolf dreht und selbst den Henker hängt. Punch besiegt mit seinem anarchischen Spiel alle, sogar den Teufel und den Tod. Sein Charakter ist dabei sehr komplex: ein Macho, aber gleichzeitig ein Lebe- und Lustmensch, der mit schonungsloser Offenheit über die Gesellschaft und sich selbst reflektiert.
Joker: Lebe- und Lustmensch auch in Sachen Liebe?
J. Minuth: Oh ja! Früher war die Frau vom Kasper, Gretel oder Mariken oder Judy, ein wichtiger Bestandteil auf der Bühne. Sie wurde dann aber langsam aus Prüderie zur Schwester oder zur Freundin degradiert.
Joker: Inzwischen hat sich das Kasper-Image zum guten Menschen gewandelt. Wie kam es dazu?
J. Minuth: Der Puppenspieler musste im Zeitalter der Elektrifizierung und der damit verbundenen größer werdenden Lautstärke Anfang des 20. Jahrhunderts vom öffentlichen Betrieb des Jahrmarktes in Innenräume flüchten. Also weg von seinem angestammten Platz inmitten des Volkes. Das zog natürlich große Probleme nach sich: der Puppenspieler konnte sich mit seiner Technik kaum noch vor den großen Besuchermassen durchsetzen – so kam es zu einer gewaltigen Krise des Puppentheaters. Dann haben sich Pädagogen, Erzieher und Kindergärtner der Kasperfigur angenommen. Es kam zu einer richtigen Pädagogisierung. Kasper wanderte in Kindergärten, Schulen und Jugendeinrichtungen und wurde dem erwachsenen Besucher fremd.
Joker: Hat er geschafft, was die Lehrer nicht geschafft haben?
J. Minuth: Natürlich. Der Kasper war ein Machtmittel, das gerne zur politischen Erziehung missbraucht wurde. In der Weimarer Republik gab es den ’’Roten Kasper’’ von den kommunistischen und sozialistischen Einrichtungen, später den ’’Braunen Kasper’’ der Faschisten. Statt des Räubers hat er den Juden auf der Bühne totgeschlagen. Der Kasper wurde plötzlich ideologisiert und hat seine politischen Freiheiten und somit sein ureigentliches Image verloren.
Joker: Inwiefern?
J. Minuth: Man nahm ihn plötzlich in den Kreisen der Erwachsenen gar nicht mehr ernst, und er wurde als Kindersache degradiert. Erst zur Wende 1990 hat man festgestellt, dass die Kollegen in der DDR noch einen Kasper spielten, der gesellschaftliche Missstände anprangerte, der sich über die SED-Strukturen lustig machte, und der sagen durfte, was man normalerweise nicht sagen durfte.
Joker: Wie gehen Sie persönlich mit der Macht des Kaspers um? Ist die Figur auf der Hand ein autonomes Wesen, oder sind Sie selber der Kasper?
J. Minuth: Für mich sind die Personen des Kaspertheaters die Mosaiksteinchen unserer Persönlichkeit: Der Kasper das Ungebundene und Freie, die Oma das Moralische und Mütterliche, der Zauberer das Hinterlistige und der Seppel das Naive. Archetypen allesamt, die es seit Jahrtausenden gibt. Dabei ist Kasper der Mittelpunkt dieser Steinchen, um den sich alles herumschart. Letztlich ist der Kasper, den ich auf die Bühne bringe, ein Geselle, mit dem ich mich auch personifiziere. So möchte ich selber sein!
Joker: Und Sie wollen, dass Ihr Publikum auch so sein soll? –Also ein moralischer, missionarischer Auftrag?
J. Minuth: Da sollte man vorsichtig sein: Kasper kann missionieren, kann auch Heilsbringer sein, da er eine Puppenspielergottheit ist, mit der sich die Kinder fast zu schnell und zu reibungslos identifizieren können. Wir wollen inzwischen diese Glattheit nicht mehr. Kasper darf auch traurig sein, Schwächen und Gefühle zeigen. Wir wollen Denkanstöße geben und Erkenntnisprozesse schaffen. Dabei ist der Kasper eine Person, die Verantwortung auszuüben hat, indem er anregt, einen hoffnungsvollen, gerechten Lebenssinn zu finden.
Joker: Wie begegnen die Kinder dieser Figuren? Gab es da Wandlungen?
J. Minuth: Die Viertklässler waren ja inzwischen schon alle in Pop-Konzerten, lieben ihre Stars und haben die Bravo-Lektüre schon hinter sich. Auf vielen Gebieten sind sie bereits sehr erwachsen und finden sich plötzlich im Kaspertheater wieder.
Da muss man durch gutes Spiel natürlich Spannung erzeugen. Aber es ist wunderbar, wie die ’’großen’’ Kinder sich plötzlich auf den Mikrokosmos Bühne einlassen und das Geschehen mit ihrer ureigenen Gegenwart reflektieren.
Joker: Was unterscheidet das Kaspertheater vom Fernsehen?
J. Minuth: Bei uns werden die Kinder in die Lösungsfindungen integriert. ’’Seid ihr alle da?’’ ist ja nicht nur eine Floskel, sondern ist wie der Anpfiff beim Fußballspiel, der sagt: Ihr müsst helfen, ihr seid beteiligt, ihr dürft emotional dabei sein. Das lieben die Kinder – sie erreichen gemeinsam mit dem Kasper das wichtige Happy End.
K. Minuth: Dabei ist auffällig, dass in den letzten drei Jahren immer mehr Kinder die Seite des Bösen übernehmen. Heute scheint ein siebenjähriges Kind bereits die Erfahrung gemacht zu haben, dass unterm Strich mehr dabei herauskommt, wenn man die negative Seite verkörpert. Wenn früher ein Kind gewagt hat, den Kasper in die Pfanne zu hauen, ist es von den umsitzenden Freunden schnell ruhiggestellt worden – das ist heute ganz anders. Die hinterhältigen Zwischenrufen können sich inzwischen immer länger behaupten. Es dauert für uns also viel länger, die Kinder für die Seite des Guten zu gewinnen – aber wenn wir es geschafft haben, ist das natürlich das Schönste.
Joker: Warum lassen sich die Kinder gerade vom Puppentheater ’’erziehen’’?
K. Minuth: Ich glaube, dass man dafür die großen Strukturen sehen muss: Familien bröckeln auseinander, wir haben kaum noch Gemeinschaften, der Individualismus ist explodiert. Einen Rahmen zu haben, sich in der Gruppe stark fühlen, das ist ein inzwischen vielleicht verschüttetes Grundbedürfnis, das wir freigraben und befriedigen können. Deshalb können wir die Stimmung in den Sälen letztlich auch doch zum Positiven wenden.
Joker: Fühlen Sie sich näher an der Stimmung der Kinder als so mancher Lehrer?
K. Minuth: Wir persönlich wohl weniger, aber unsere Puppen. Ich merke das an unseren eigenen Kindern. Wenn ich den Kasper auf der Hand habe, erzählen sie ihm Sachen, die sie mir persönlich nie sagen würden. Zum Beispiel hat meine Tochter den Kasper auf meiner Hand einweiht: ’’Ich würde gerne mal mehr Dinge mit Mama alleine machen.’’ Da sitzen Sie dann und staunen und fangen an zu begreifen.
Joker: An das Puppenspiel sind sie über Umwege gekommen: Frau Minuth, Sie haben Ihren Mann für das Genre begeistert. Statt einer gesicherten Lehrerlaufbahn hat er sich gemeinsam mit Ihnen in das Theater geworfen. Wie haben sich Ihre Stücke seither verändert?
K. Minuth: Im Kindergarten meiner Tochter habe ich zum ersten Mal mit anderen Eltern Puppen gespielt. Wir haben uns damals eine hochpädagogische Geschichte ausgedacht, in der es um sehr viel Moral ging. Wir haben die Personen des Kaspertheaters neu definiert, und sind komplett auf den Bauch gefallen. Die Kinder wollten zum Beispiel keinen resozialisierbaren Räuber sehen und haben nach der Aufführung geflucht: ’’So´n scheiß Kaschperle!´´. Inzwischen haben wir akzeptiert, das die Figuren festgelegt sein müssen. Viele werfen einem vor, dass Kaspertheater Schwarz-weiß-Malerei ist. Aber genau das wollen die Kinder. Das muss man erst einmal begreifen. Man kann ja auch nicht sagen, dass ’’Hoppe-Hoppe-Reiter’’ nicht mehr gespielt werden soll, weil es antiquiert ist.
Joker: Sie haben sich in den letzten 10 Jahren mit der ’’Freiburger Puppenbühne’’ fast ohne Subventionen durchgeschlagen. Wie ging das?
K. Minuth: Wir haben schon Veränderungen geschaffen. Besonders mit dem Verein ’’Pfiff’’, ’’Puppen und Figuren Theater in Freiburg’’. Hier sind alle 10 professionellen und Amateurpuppenspielgruppen zusammengeschlossen. Wir haben einen gemeinsamen Proberaum bekommen. Außerdem ist hinzugekommen, dass die Gruppen abwechselnd jeden Samstag im Haus der Jugend, in der Uhlandstraße, spielen und dort eine kleinen Zuschuss vom Kulturamt bekommen.
Joker: Dennoch scheint die Stadt kaum Interesse am Puppenspiel zu haben.
K. Minuth: Es hat sich etwas bewegt- aber viel zu wenig. Die Kinder haben keine Lobby. Je kleiner sie sind, desto weiter sind sie vom Wahlalter entfernt, und somit werden sie von der politischen Förderung leichter ausgeschlossen.
Joker: Gibt es denn konkrete Wünsche?
K. Minuth: Natürlich. Wir träumen immer noch von einer institutionellen Förderung. Dass wir regelmäßig in der Harmonie spielen können, ist für uns ein großes Glück. Aber um auch weiterhin dort auftreten zu können, müssen wir eine Auslastung von 90% haben. Das heißt jeden Nachmittag 180 Zuschauer- das haben wie seit vier Jahren erreicht. Es ist also ein Bedarf da, aber die Stadt hat diesen Bedarf mit Füßen getreten und ignoriert. Regelmäßiges Puppentheater in Freiburg ist momentan nur durch gemeinsames, persönliches Engagement aller Bühnen möglich.
Joker: Warum aber sollte die Stadt gerade das Puppentheater unterstützen?
K. Minuth: Weil wir die Ersteinsteiger in das Theater versorgen. Dazu muss man höchste Qualitätsmaßstäbe haben: gute Regisseure, perfekte Puppen, eine anständige Werkstatt und ein attraktives Programm. Das sind alles Kriterien, die unheimlich ins Geld gehen. Aber nur so können wir unserm Auftrag gerecht werden, die Verantwortung zu übernehmen, das Theaterpublikum der Zukunft zu begeistern.
Joker: Wir hoffen, dass Sie und der Kasper noch lange so viel Spaß und Euphorie für die Bühne verbreiten und wünschen Ihnen alles Gute.
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